Wir geben Kindern Zukunft
Gesamtschule der Gemeinde Rödinghausen

Eine unvergessliche Erfahrung kurz vor dem Abitur

Die chilenischen Zeitzeugin, Journalistin und Künstlerin Isabel Lipthay zu Besuch bei den Spanischschülern des 13. Jahrgangs

Nach einem freiwilligen Kurstreffen in privater Atmosphäre am Vorabend, bei dem es an von den Schülern selbst zubereiteten kulinarischen Köstlichkeiten nicht mangelte, versammelten sich am 19. Februar 2018 alle Spanischschülerinnen und Schüler des 13. Jahrgangs in der 3./4. Stunde mit gemischten Gefühlen in einem Raum ihrer Schule, um Isabel Lipthay kennen zu lernen.

Einen sehr gelungenen Einstieg bildeten die Rollenspiele einiger Schülerinnen in Anlehnung an den Film „Machuca“, wodurch besonders die Problematik von Freundschaft zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und sozialer Ungleichheit in Chile in Zusammenhang mit dem Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Allendes durch den Mitlitärputsch im Jahre 1973 und die nachfolgende Diktatur Pinochets sowie die Aktualität der Themen präsent wurde.

Isabel Lipthay, die 1983 aufgrund von Verfolgung, Zensur, Versammlungsverbot und Haft aus ihrer Heimat Chile fliehen musste und seitdem in Münster lebt, griff diese Themen auf und verzauberte die Schüler regelrecht durch ihre authentische und berührende Art.

Mit Fotos, dem selbst verfassten Gedicht „Seltsame Pflanzen“, Musik und Erzählungen verschaffte sie Einblicke in das kulturelle und künstlerische Aufblühen Chiles zu der Zeit Allendes, die schrecklichen Veränderungen des Lebens unter der Diktatur Pinochets und die Gefühle, als Exilantin in Deutschland zunächst nur schwer Wurzeln schlagen zu können.

Dies schärfte nicht zuletzt auch den Blick auf die Prozesse im eigenen Land und führte den Beteiligten vor Augen, wie kostbar und fragil unsere eigene Demokratie ist.

Katrin Berelsmann
Fotos: Santana Andaloro

 
 

Einige Gedanken der Schülerinnen und Schüler nach der Veranstaltung

Isabel Lipthay„Unfassbar sympathische und positive Atmosphäre und sehr interessante Erzählungen, denen man sehr gut folgen konnte. Sie hat uns echt mit ihrer Geschichte und ihrem Wesen beeindruckt und abgeholt.“ (anonymer Verfasser)

„Durch das Erzählen der eigenen Erfahrungen am Tag des Militärputsches 1973 ist man viel näher an das Geschehen herangebracht worden.“ (Laura)

„Ihre Worte waren bildlicher als so mancher Film.“ (Haschm)

„herzensgute und sympathische Frau.“ (anonymer Verfasser)

„Besonders beeindruckt hat mich das realitätsnahe Erzählen. Es wurde mir bewusst, wie schnell sich ein Gesellschaftssystem wandeln kann. Das hat Isabel auch sehr deutlich gemacht und uns davor gewarnt.“ (Jana)

„Ich habe Isabel als sehr außergewöhnliche Person empfunden, die durch ihre Erzählungen neue Blickwinkel eröffnet.“ (Lanja)

„Sie hat aus den Jahreszahlen und Fakten des Unterrichts eine gefühlvolle und mitreißende Geschichte gemacht.“ (Santana)

„Durch sie hat man darüber nachgedacht, was man erreichen kann. Man muss sich nur dafür einsetzen.“ (Lisa)

Auszug aus dem Gedicht „Seltsame Pflanzen“

Isabel LipthayDas Gedichte verfasste Isabel Lipthay nach ihrer Ankunft in Deutschland und in ihm spiegeln sich sicherlich die Gefühle sehr vieler Geflüchteter wider.

[...]
„Ein Sprung ins Leere.

In dem neuen Stück Erde
gibt es keine Vergangenheit,
die neue Erde ist fremd.
Die Pflanze ist seltsam
im Vergleich zu den anderen Pflanzen,
die Wurzeln haben.

Alle schauen unter die Erde:
die neue Pflanze
erkennt man sofort,
weil sie keine
Wurzeln hat.

Zwischen den zwei
Stücken Erde
liegt das große Meer.
Die Rückkehr ist unmöglich,
hier zu bleiben
scheint auch
unmöglich:

alle schauen ständig
unter die Erde
– keine Wurzeln –
und über der Erde
– diese Pflanze ist merkwürdig,
so anders,
sie gehört nicht
hierher –

[...]

Es gibt seltene Pflanzen
die ihre Wurzeln
zur gleichen Zeit
in zwei Stück Erde
tief hineinsetzen.

Eine dieser Pflanzen
bin ich.“

aus: „Seltsame Pflanzen/Curiosas Plantas“, Isabel Lipthay, Unrast Verlag, 1995

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